Nordamerika


Nordamerika
Neue Welt (umgangssprachlich)

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Nọrd|ame|ri|ka; -s:
nördlicher Teil ↑ Amerikas.

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Nọrd|amerika,
 
der nördliche Teil Amerikas, umfasst außer dem Festland mit dem im Norden vorgelagerten Kanadisch-Arktischen Archipel auch Grönland, das französische Übersee-Département Saint-Pierre-et-Miquelon (vor der Küste Kanadas) und die britischen Bermudainseln (im Atlantik, rd. 1 000 km östlich von Kap Hatteras, USA), insgesamt 21,8 Mio. km2. In Nordamerika leben (1995) rd. 292 Mio. Menschen.
 
 LAGE
 
Nordamerika grenzt im Norden an das Nordpolarmeer (83º 07' nördliche Breite, nördlichster Punkt Kanadas auf Ellesmere Island; nördlichster Punkt Grönlands: 83º 39' nördliche Breite), im Osten ist es vom Atlantischen Ozean, im Westen vom Pazifischen Ozean umgeben. Eine physisch-geographische Südgrenze Nordamerikas wird vielfach im Bereich des Isthmus von Tehuantepec, also innerhalb Mexikos, gezogen, kulturell gehört Mexiko jedoch zu Lateinamerika. Unter Ausschluss Mexikos ist der südlichste Punkt Nordamerikas die Südspitze Floridas (25º 07' nördliche Breite). Die Entfernung zwischen dem nördlichsten Punkt auf Ellesmere Island und der Grenze zu Mexiko beträgt rd. 6 500 km, die Ost-Westerstreckung etwa auf der geographischen Breite der Insel Neufundland rd. 5 500 km Luftlinie. Nordamerika hat Anteil an acht Zeitzonen.
 
 OBERFLÄCHENGESTALT
 
Nordamerika lässt sich in wenige geomorphologische Großregionen gliedern: Der geologisch älteste Teil ist der Kanadische Schild, ein Festlandkern, der große Teile im Nordosten um die Hudson Bay einnimmt; das Relief ist flachwellig mit anstehenden Felsen und Hohlformen. Sein Gestein setzt sich nach Westen und Süden in der Tiefe fort, wird aber hier von mächtigen Sedimenten überlagert, deren Oberfläche relativ eben ist. Dazu gehören das Zentrale Tiefland um die Großen Seen als tiefster Teil der Inneren Ebenen (Interior Plains), die von der Küstenebene am Golf von Mexiko bis zum Nordpolarmeer reichen. Im Osten erstreckt sich der 2 600 km lange Gebirgszug der Appalachen, ein abgetragenes Rumpfgebirge mit Plateaus und Höhenzügen, die im Mount Mitchell im Süden bis 2 037 m über dem Meeresspiegel ansteigen. Im Westen ziehen sich die geologisch jüngeren Kordilleren mit einer maximalen Breite von 1 500 km in Nord-Südrichtung durch den Kontinent. Sie sind in Längszonen untergliedert in die Rocky Mountains im Osten mit Höhen von 3 000-4 000 m über dem Meeresspiegel, in eine Folge von intermontanen Hochebenen (u. a. Yukon- und Columbiaplateau, Großes Becken, Coloradoplateau) sowie in die pazifischen Küstenketten, die in der Alaskakette im Mount McKinley 6 198 m über dem Meeresspiegel erreichen. Zahlreiche Erdbeben in Kalifornien und Alaska sowie Vulkanismus (1980 Ausbruch des Mount Saint Helens in der Cascade Range im Staat Washington) zeugen von der Instabilität des Gebirgsraumes. Die Kette der Rocky Mountains ist die Hauptwasserscheide, sodass nur etwa ein Viertel des Landes zum Pazifik entwässert wird, v. a. durch Yukon River, Fraser, Columbia River und Colorado River. Die größten Ströme Nordamerikas, Mississippi mit Missouri, Sankt-Lorenz-Strom und Mackenzie, gehören zum Einzugsgebiet des Atlantiks.
 
Besonders der Norden ist reich an Seen; die größte zusammenhängende Süßwasserfläche der Erde bilden die fünf Großen Seen (Oberer, Huron-, Michigan-, Erie- und Ontariosee). Wie die meisten Seen sind sie durch Gletscher in der letzten Eiszeit ausgeformt worden. Die Inlandeisdecke überzog v. a. Kanada, im Bereich der Großen Seen buchtete sie weiter nach Süden aus und reichte an der Atlantikküste bis zur Höhe von New York. Glaziale Überformung der Gebirge und Ablagerungen sind in diesem Gebiet verbreitet, ebenso stark gegliederte Küsten mit Fjorden und Buchten. Im Süden herrschen dagegen Haff- und Nehrungsküsten mit ausgedehnten Sümpfen im Hinterland vor.
 
 
Der größte Teil Nordamerikas hat ausgeprägtes Kontinentalklima mit hohen Temperaturgegensätzen, nur die Küstenbereiche sind ausgeglichener. Nordamerika liegt zwar im Bereich der Westwindzone, die pazifischen Meeresluftmassen regnen sich aber großenteils im Luv der Hochgebirge ab (an der Westküste der nördlichen USA und Kanadas mit Niederschlägen von über 2 000 mm jährlich). Östlich davon liegen im Regenschatten ausgedehnte Trockengebiete, in den Great Plains (etwa westlich von 100º westlicher Länge) mit Jahresniederschlagsmengen von weniger als 500 mm, in den intermontanen Becken, besonders im Südwesten, extrem aride Wüsten. Nach Osten hin nehmen die Niederschläge bis über 1 500 mm zu. Die Temperaturzonen sind von Norden nach S: arktische und subarktische Zone mit nur 2 bis 3 frostfreien Monaten im Jahr; die ausgedehnten kühl- beziehungsweise warmgemäßigten Zonen; im Süden die subtropische und nur an der Spitze Floridas die tropische Zone. Der Südosten steht unter dem Einfluss tropischer Luftmassen mit heißen Sommern, milden Wintern und hoher Luftfeuchtigkeit, häufig sind Hurrikane, die besonders im Küstenbereich Zerstörungen verursachen.
 
Da westöstliche Gebirgsschranken fehlen, kann ungehindert polare Kaltluft nach Süden (Blizzard, Northers) beziehungsweise subtropische Warmluft nach Norden vordringen. Östlich der Rocky Mountains treten häufig Tornados auf (1993: rd. 1 200).
 
 
Die Pflanzenwelt Nordamerikas ist Bestandteil der Holarktis. Abgesehen von der Eiswüste wird der gesamte Norden jenseits des Polarkreises durch Tundren geprägt (Flechten-, Zwergstrauch-, Baumtundra) mit zahlreichen zirkumpolaren Arten (z. B. Zwergbirke). Nach Süden schließt sich borealer Nadelwald an, in dem v. a. Lärchen sowie verschiedene Tannen-, Fichten- und Kiefernarten dominieren. Die nördlichen Kordilleren werden v. a. von Hemlocktannen, Douglasien, Lebensbäumen, Scheinzypressen und Wacholder eingenommen. Ein nur eng begrenztes Areal besiedeln der Küstenmammutbaum (Sequoia; südliches Oregon bis nördliches Kalifornien) und der Mammutbaum (Sequoiadendron; westliche Sierra Nevada). Im kalifornischen Küstengebirge und in den tieferen Teilen der Sierra Nevada und der Gebirge Südarizonas gibt es immergrüne Hartlaubgehölze (Chaparral). Im übrigen Gebiet südlich des 44. Breitengrades ist die untere Bergstufe durch Kiefern- und Wacholderwälder besetzt. Die oberste Waldzone in den zentralen Rocky Mountains von 2 500-3 700 m über dem Meeresspiegel wird von Fichten- und Tannenwäldern gebildet. Darüber folgt eine alpine Region mit Matten und Felsfluren. Das atlantische Florengebiet umfasst im östlichen Teil Laubwälder, die im Süden immergrün werden und nach Westen in ausgedehnte Grasflächen (Prärie) übergehen. Bei etwa 37º nördliche Breite finden sich vegetationsarme Salzwüsten. Das pazifische Florengebiet wird nach Süden hin immer trockener und geht in eine Dornstrauchformation (»Mesquite«) und schließlich in Halbwüste über. Spätestens hier beginnt eine innige Verzahnung mit neotropischen Geoelementen, was auch durch das vermehrte Auftreten von Kakteen, Bromelien und Vertretern aus der Gattung Yucca deutlich wird. Die südlichen Teile von Florida gehören bereits zur Neotropis.
 
 
Die Tierwelt Nordamerikas gehört tiergeographisch überwiegend zur Nearktis und weist Gemeinsamkeiten mit der europäischen Tierwelt auf: z. B. Rentier (Karibu), Murmeltier, Biber, Maulwurf, Salamander, Hecht. Während des Bestehens der zeitweise (im Tertiär) fehlenden Landverbindung fand auch ein intensiver Faunenaustausch mit Südamerika statt (z. B. Gürteltiere, Beutelratten, Kolibris). Im hohen Norden leben die arktischen zirkumpolaren Arten Eisbär, Moschusochse, Schneehuhn und Schnee-Eule. Der boreale Nadelwald ist die Heimat von Luchs, Vielfraß, Wolf (Timberwolf), Elch, Wapitihirsch und Skunk. Hier leben ebenfalls Schwarz- (Baribal) und Braunbären (Unterarten: Kodiak- und Grislibär). Die Prärien sind durch (das nach der Besiedlung durch die Europäer stark dezimierte) Bison, Präriewolf, Präriehund und Gabelbock gekennzeichnet. Die westlichen Gebirge werden von Puma, Kanadaluchs, Dickhornschaf und Schneeziege bewohnt.
 
 BEVÖLKERUNG
 
Bis zur europäischen Besiedlung war Nordamerika von Indianern (nordamerikanische Indianer) und Inuit (Eskimo) bewohnt, sie bilden heute eine Minderheit. In den USA leben (Zensus 1990) rd. 1,9 Mio. Indianer, 57 000 Inuit und 24 000 Aleuten, d. h. 1995 (Schätzung) insgesamt 2,2 Mio., zusammen 0,9 % der Gesamtbevölkerung; in Kanada (Zensus 1991) 365 400 Indianer und 30 000 Inuit, zusammen 1,5 % der Bevölkerung - Die ersten von Europäern angelegten Siedlungen entstanden zu Beginn des 17. Jahrhunderts an der Atlantikküste, seitdem kamen Einwanderer zunächst aus West-, ab 1880 vermehrt aus Süd- und Osteuropa. Insgesamt wanderten in die USA von 1820 bis 1980 fast 50 Mio. Menschen ein, darunter rd. 7 Mio. Deutsche und über 5 Mio. Italiener. Nach Kanada gelangten seit 1900 rd. 11 Mio., v. a. aus den Gründernationen Frankreich und England, heutige Anteile betragen rd. 25 % beziehungsweise 42 %. Insgesamt herrscht eine weiße Bevölkerung vor. Als Nichteuropäer wurden seit 1619 Sklaven aus Afrika in den Süden Nordamerikas verschleppt, bis zur gesetzlichen Abschaffung der Sklaverei (1808) etwa 400 000, danach illegal weitere 270 000. Der Anteil der Schwarzen betrug 1790 noch 25 %, heute sind es 12 % von insgesamt über (1994) 31 Mio. Hauptverbreitungsgebiet waren die Südstaaten (1900: rd. 90 %), seitdem wanderten viele besonders in die Industriezentren des Nordostens, wo große Gettos entstanden; der Anteil im Süden liegt zwischen 50 und 60 %. In Kanada stellt die schwarze Bevölkerung nur 0,8 % der Einwohner dar.
 
Mit Gesetzen von 1965 (USA) und 1978 (Kanada) erhielt die Einwanderung neue Grundlagen; die Quoten für einzelne Gruppen wurden durch andere Kriterien ersetzt und wechselnde Gesamtzahlen festgelegt. Sie betrugen in letzter Zeit über 900 000 pro Jahr für die USA und über 200 000 für Kanada. Gleichzeitig änderten sich die Herkunftsländer, wobei an die Stelle der Europäer verstärkt Einwanderer aus asiatischen und lateinamerikanischen Ländern kamen; ihre Anteile betrugen (1993) in den USA 77 % (v. a. aus Mexiko, den Philippinen u. a. südostasiatischen Ländern) und in Kanada rd. 70 % (u. a. aus Hongkong, Indien, Mittlerer Osten). Entsprechend verschiebt sich das ethnische Profil. In Kanada machen Bewohner nichteuropäischer Herkunft fast 10 % aus, in den USA betragen die Anteile von Hispanos rd. 10 %, von Asiaten rd. 3 % (1994). Das vielfältige ethnische Spektrum zeigt sich besonders in Großstädten; in den Grenzgebieten zu Mexiko siedeln sich verstärkt Einwanderer aus Lateinamerika an.
 
Die Verstädterung beträgt in den USA 75 %, in Kanada 78 %; Konzentrationen liegen v. a. im Nordosten der USA und in Kalifornien, in Kanada im Süden der Provinzen Ontario und Quebec. Ihnen stehen wenig bevölkerte Regionen im Mittleren Westen und besonders im Norden Kanadas gegenüber, sodass die Bevölkerungsdichte insgesamt gering ist. Sie beträgt in den USA 27,3 und in Kanada 2,9 Einwohner pro km2.
 
 
Nach heutigen Erkenntnissen setzte die Besiedlung Nordamerikas durch die Indianer erst gegen Ende der letzten Eiszeit (Wisconsin-Eiszeit) vor etwa 12 000 Jahren ein. Gruppen von Jägern und Sammlern zogen von Nordostasien über die damals vorhandene Beringlandbrücke nach Alaska, von dort durch einen eisfreien Korridor zwischen den vergletscherten Gebieten des heutigen Kanada hindurch weiter nach Süden. Das Alter von mehr als 12 000 Jahren (bis zu 40 000 Jahren), das früher für Stein- und Knochenartefakte aus verschiedenen Teilen Nord-, Mittel- und Südamerikas angenommen wurde, wird heute von der Mehrheit der amerikanischen Archäologen wegen der Unsicherheit der Datierung (v. a. aufgrund der Kontaminierung des Fundmaterials) nicht mehr akzeptiert. Auch die bisher als sehr alt (bis über 20 000 Jahre) datierten Schädel(fragmente) aus Kalifornien (Laguna Beach, Del Mar u. a.) sind nach neuesten Messmethoden nicht viel älter als 5 000 Jahre. Die älteste paläoindianische Kultur ist die Cloviskultur (Clovisspitzen um 9500 bis 9000 v. Chr.). An diese schließt sich die durch ungekehlte Folsomspitzen gekennzeichnete Folsomkultur an. Die jüngste Phase des Paläoindianertums wird von den Planokulturen der Prärie gebildet; deren oft gestielte Projektilspitzen sind auf 8000-5000 v. Chr. zu datieren. Mit dem Abklingen der Eiszeit verschwand allmählich die eiszeitliche Megafauna. Das Archaikum (ab spätestens 5000 v. Chr.) ist belegt durch die Hinterlassenschaften einfacher Jäger-, Sammler- und Fischerkulturen, die sich v. a. an Flüssen (im Osten) und endglazialen Seen (im Westen) finden. Neben Geschossspitzen treten nun erstmals Mahlsteine auf (Desert Culture, Cochisekultur). Die jüngere Phase des östlichen Archaikums (3000-1000 v. Chr.) lässt bereits Entwicklungen erkennen (einfache Keramik, Steinschliff, Grabhügelbau, beginnende Pflanzendomestikation), die zum Formativum überleiten. Das Geräteinventar des Archaikums blieb in einigen Gebieten Nordamerikas bis zur Ankunft der Europäer in Gebrauch. Im Norden und Nordwesten trat eine Mikroklingenindustrie auf, die mit einer jüngeren Einwanderungswelle aus Nordasien gekommen zu sein scheint. Im Anschluss an die noch vor- bis frühformative Adenakultur und ähnlichen Kulturmanifestationen am Mississippi und seinen östlichen Nebenflüssen entstand ab 200 v. Chr. die formative Hopewellkultur, die von ihrem Kerngebiet, dem Ohiotal, aus fast das gesamte östliche Waldland bis zum Golf von Mexiko beeinflusste (weit reichendes Fernhandelsnetz). Ab 700 n. Chr. setzte das urbane Formativum ein, das in der Mississippikultur seinen prägnantesten Ausdruck fand. Entscheidend war die Einführung neuer, ergiebiger Maisarten im mittleren Mississippital (um 900 n. Chr.). Es entstanden große Siedlungs- und Kultzentren (z. B. Cahokia), in der religiösen Kunst des »Südlichen Totenkultes« wurde um 1250 ein Höhepunkt erreicht; die Ikonographie auf gravierten Muschel- und Kupferplatten sowie auf der hochwertigen muschelgemagerten Keramik zeigt mesoamerikanische Einflüsse, deren genaue Herkunft noch nicht festgestellt werden konnte. Im westlichen Nordamerika entwickelten sich - offenbar ebenfalls im Gefolge des Maisanbaus und anderer Einflüsse aus Mesoamerika - aus archaischen Kulturen (v. a. der Desert Culture im Südwesten) drei formative Kulturtraditionen: die Anasazikultur, die Hohokamkultur und die Mogollonkultur.
 
In der Arktis, an der Nordwestküste sowie in Kalifornien zeichneten sich in vorgeschichtlicher Zeit ebenfalls frühformative Entwicklungen ab, doch erreichten sie hier nicht das kultisch-zivilisatorische Niveau des Südwestens und Ostens. Bemerkenswert ist die eigenständige Entwicklung in der westlichen Arktis, wo sich zahlreiche Lokalkulturen (z. B. Okvik, Punuk und die Ipiutakkultur) ganz auf die Ausbeutung der maritimen Ressourcen konzentrierten. Im nordwestlichen Küstengebiet setzte im 7. Jahrtausend v. Chr. eine lokalspezifische Entwicklung ein, die im 4. Jahrtausend zu einer sesshaften, hoch entwickelten Fischfangwirtschaft führte (Fundort: Namu im südlichen British Columbia). Ab 2500 v. Chr. entstanden im Fraserdelta Siedlungen, aus denen man Stein- und Knochenskulpturen bergen konnte. In Kalifornien entwickelten sich ab 500 n. Chr. aus archaischen Vorläufern sesshafte Lokalkulturen mit frühformativem Charakter, basierend auf einer intensiven Eichelsammelwirtschaft im Binnenland sowie Meeressäugetierjagd und Fischfang mit Plankenbooten an der südkalifornischen Küste.
 
 
Das Gebiet der Vereinigten Staaten westlich des Mississippi war (mit Ausnahme der Küstengebiete) nach dem Unabhängigkeitskrieg noch weithin unerforscht (über die Zeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Amerika, Übersicht, Zeittafel zur Entdeckung und Erforschung). Seit Anfang des 19. Jahrhunderts begannen mit der Erweiterung des staatlichen Territoriums die Vorstöße nach Westen durch Trapper, Siedler (Squatter) und Händler, militärische Erkundungen, aber auch durch planmäßige Erforschung. Die Lewis-and-Clark-Expedition 1804-06 im Auftrag von Präsident T. Jefferson in die Rocky Mountains erreichte an der Mündung des Columbia River den Pazifischen Ozean und hatte so den mittleren Kontinent zum ersten Mal durchquert. Z. M. Pike (1805-07) und S. H. Long (1817-23) forschten im Gebiet des Mississippi und seiner Nebenflüsse bis hin zu den Rocky Mountains, G. W. Featherstonhaugh 1834-35 im Missourigebiet und Ozarkplateau. Die Expeditionen von J. C. Frémont (1842-45) zu den Rocky Mountains, zum Großen Salzsee, Columbia River und zur Sierra Nevada erbrachten ein erstes Gesamtbild der mittleren Überlandverbindung zwischen Mississippi und Westküste. J. W. Powell durchfuhr 1869 mit einem Boot den Colorado Canyon. Die wachsende Zahl europäischer Einwanderer (seit 1830), der Zustrom von Goldsuchern nach Kalifornien (nach 1848), die systematische wissenschaftliche Erforschung des Landes nach Beendigung des Bürgerkriegs (1861-65) sowie der Bau der Transkontinentalbahnen nach 1862 rundeten die Kenntnis des Landes bald ab.
 
In Kanada, das besonders durch Pelztierjäger und Händler der Hudson's Bay Company erkundet wurde, begannen systematische Forschungen durch die Geologen R. Bell (seit 1857) zwischen den Kanadischen Seen und der Hudsonbai und G. M. Dawson 1873-1900 in den kanadischen Rocky Mountains. Der äußerste Norden des Kontinents wurde im Rahmen der Polarforschung (Arktis, Übersicht) bekannt.
 
Alaska, das 1741 durch V. J. Bering von Asien aus entdeckt worden war, wurde erst nach Goldfunden (1880 und 1896-99) systematisch erforscht.
 
 
Neben Spanien, das zunächst Florida, Mexiko und den Südwesten in seinen Besitz gebracht hatte, waren hauptsächlich Großbritannien (u. a. Neuengland) und Frankreich (Louisiana) sowie anfangs auch die Niederlande (Neu-Niederland), Schweden (Neu-Schweden) und zum Teil Russland (Alaska) an der Kolonisation beteiligt; diese hatte tief greifende Auswirkungen auf die nordamerikanischen Ureinwohner. Die Indianer, in die Kolonialrivalitäten einbezogen (besonders in die britisch-französischen Kämpfe, an denen sie auf beiden Seiten teilnahmen), wurden immer mehr aus ihren Gebieten verdrängt und durch Kriege dezimiert. Demgegenüber trat der zivilisatorische Effekt der europäischen Besiedlung stark zurück (Missionsversuche, Handel, Übernahme des Pferdes von den Spaniern). Von Anfang an wehrten sich die Indianer gegen Landraub und Entrechtung.
 
Im 18. Jahrhundert wurde die dominierende Stellung der allmählich bis an die Appalachen reichenden britischen Kolonien an der Ostküste gegen die spanischen Besitzungen im Süden mit der Übernahme der beiden Carolinas (1720/29) und der Gründung Georgias (1732/33) als wehrhafter Grenzkolonie abgesichert. Drei Regionen bildeten sich heraus: 1) Neuengland mit seiner fast rein englischen Bevölkerung, die in Townships (Town) siedelte, stark an Handel und Gewerbe orientiert war und einen hohen Bildungsstand aufwies; 2) die Mittelatlantikkolonien mit starkem niederländisch-deutschem und iroschottischem Bevölkerungsanteil, landwirtschaftlicher Groß- und Mittelbesitz und ebenfalls erhebliche Handelsinteressen; 3) die von Maryland nach Süden sich erstreckenden Kolonien, in denen Plantagenbesitz und Monokulturen (Tabak, Reis, Baumwolle, Indigo) überwogen und die Sklaverei der Bevölkerung ein starkes nichtenglisches Element beigab.
 
Obwohl durchweg von der britischen Krone oder Eigentümern (Maryland, Pennsylvania) abhängig und damit der auf den Vorteil des Mutterlandes bedachten Politik der Zentralregierung (Board of Trade) unterworfen, erreichten alle Kolonien ein hohes Maß an Selbstregierung, wobei namentlich die Abgeordnetenkammern der Kolonialparlamente immer selbstbewusster ihre Stellung im politischen System analog zu der des britischen Unterhauses ausbauten. Die Bewohner entwickelten ein amerikanisches Zusammengehörigkeitsgefühl; doch scheiterte noch 1754 auf dem Albany-Kongress ein Zusammenschluss der Kolonien. Britisch-französische Kämpfe um das Ohiotal lösten den »French and Indian War« (1754-63) aus, der in die Auseinandersetzungen des Siebenjährigen Krieges mündete.
 
Spannungen ergaben sich aus dem Bestreben des Mutterlandes, die Kolonien als Rohstofflieferanten und Absatzmärkte für Fertigwaren in Abhängigkeit zu halten, sie jedoch für die Lasten der Verteidigung und Verwaltung mit heranzuziehen (Staatseinnahmegesetz »Sugar Act«, 1764; Stempelsteuer, 1765; Townshend Acts, 1767; Zwangsgesetze, 1774) und ihre Ausdehnung westlich der Alleghenies vorerst nicht zuzulassen. Da die Kolonien eine gewisse Reife der gesellschaftlichen Entwicklung erreicht hatten, die französische Bedrohung, wenn auch nicht die durch die Indianer (»Pontiacs Rebellion«, 1763-66), 1763 weggefallen war und Provokationen beiderseits nicht ausblieben (Zollpolitik, Boston Tea Party), führte der Verfassungsstreit über das Besteuerungsrecht (»no taxation without representation«) bald zur Unabhängigkeitsbewegung.
 
Die weitere Entwicklung Nordamerikas wurde durch die Gründung und rasche Expansion der Vereinigten Staaten von Amerika auf Kosten britischen (1783, Northwest Territory), französischen (1803 Ankauf von Louisiana) und spanischen Territoriums (1819, Florida), durch die Begründung von Gebietsansprüchen im fernen Nordwesten (Oregon) und Gewinnen im Südwesten (1845-48, Mexikanischer Krieg, Texas; 1853 Gadsden-Vertrag) bestimmt. Die russischen Interessen (Alaska, Robbenfang, Ostasienhandel) wurden 1824 vertraglich auf die Nordwestküste nördlich 54º 40' beschränkt und erledigten sich 1867 mit dem Verkauf Alaskas an die USA. Das rivalisierende Vordringen kanadischer und amerikanischer Siedler nach Westen machte mehrfach (1818, 1846) Grenzfestlegungen erforderlich. Im Norden der USA entwickelte sich Kanada auf englischer und französischer Bevölkerungsgrundlage zur selbstständigen Nation, die trotz wirtschaftlicher und kultureller Anziehungskraft der USA im Verband des Commonwealth verblieb.
 
 
R. Knapp: Die Vegetation von Nord- u. Mittelamerika u. der Hawaii-Inseln (1965);
 W. Lindig: Vorgesch. N.s (1973);
 
Climates of North America, hg. v. R. A. Bryson u. a. (Amsterdam 1974);
 C. M. Andrews: The colonial period of American history, 4 Bde. (Neuausg. New Haven, Conn., 1975-77);
 W. Reinhard: Gesch. der europ. Expansion, Bd. 2: Die Neue Welt (1985);
 
Der Aufstieg des ersten brit. Weltreiches. .. 1660-1763, hg. v. H. Wellenreuther (1987);
 J. A. Henretta u. G. H. Nobles: Evolution and revolution. American society 1600-1820 (Lexington, Mass., 1987);
 
North America. The historical geography of a changing continent, hg. v. R. D. Mitchell u. P. A. Groves (Totowa, N. J., 1987);
 B. Hofmeister: N. (Neuausg. 1988);
 B. M. Fagan: Die ersten Indianer (a. d. Engl., 1990);
 B. M. Fagan: Das frühe N. Archäologie eines Kontinents (a. d. Engl., 1993);
 
The natural history of North America, bearb. v. R. Ricciuti (New York 1990);
 C. W. Ceram: Der erste Amerikaner (a. d. Engl., Neuausg. 21992);
 S. J. Fiedel: Prehistory of the Americas (Cambridge 21992, Nachdr. ebd. 1994);
 S. S. Birdsall u. J. W. Florin: Regional landscapes of the United States and Canada (New York 41992);
 J. H. Paterson: North America (New York 91994);
 G. G. Whitney: From coastal wilderness to fruited plain. History of environmental change in temperate North America, 1500 to the present (Cambridge 1994);
 
Legal history of North America, auf mehrere Bde. ber. (Norman, Okla., 1995 ff.).
 
Weitere Literatur: Kanada, Vereinigte Staaten von Amerika.
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Indianer Nordamerikas (16. bis 18. Jahrhundert): Kinder Manitus
 
amerikanische Nation und Kultur
 
Felsbilder in Nordamerika
 
nordamerikanische Kulturen: Bewässerungsfeldbauern des Südwestens
 
Nordwestküstenkultur: Fischer am nördlichen Pazifik
 

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Nọrd|ame|ri|ka; -s: nördlicher Teil Amerikas (1).

Universal-Lexikon. 2012.

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